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Familie Cahn

Begründer der Familie war Isaac Cahn, der am 22. Juni 1837 in Witten unter dem Namen Isaac Moses geboren wurde. Seine Eltern starben früh, Isaac wurde als Pflegekind vom Wittener Viehhändler Levi Cahn aufgenommen. Von diesem übernahm er den Familiennamen Cahn.

Isaac erlernte den Metzgersberuf und heiratete um 1865 nach Mülheim. Seine Frau war Rosalie/Rosa Meier, geboren in Mülheim um 1839 als Tochter des Metzgers Joseph Meier und seiner Frau Esther geborene Hirsch. Rosas Vater war bereits 1852 jung gestorben, die Mutter führte als Witwe eine eigene Metzgerei nebst Gastwirtschaft in der Teinerstraße 10 fort. Von ihr übernahm Schwiegersohn Isaac Cahn das Geschäft. Mit Rosa hatte er fünf Kinder zwischen 1866 und 1876. Im Folgejahr, am 12. April 1877, starb Rosa jung mit 38 Jahren. Ihre Mutter Esther verschied ein Jahr später 81-jährig.

Die Grabsteine von Rosa Cahn sowie ihrem Vater Joseph Meier sind auf dem jüdischen Friedhof Mülheim erhalten, beide an der nördlichen Einfassungsmauer lehnend.

Von den fünf Kindern der Cahns waren die ersten beiden Söhne. Der ältere, Josef, wurde 1866 geboren und kam in den Genuss, sich vom Vaterberuf lösen und ein Studium aufnehmen zu dürfen. Er immatrikulierte sich 1885 an der Universität Bonn im Fach Medizin und gehörte damit zu den ersten Nachkommen aus jüdischen Metzger- und Viehhändlerfamilien, die Akademiker wurden. Dr. med. Josef Cahn praktizierte später in Mülheim in der Viktoriastraße 6 und starb – auch er – jung mit 42 Jahren.

Der jüngere Sohn und das zweite Kind der Cahns war Hermann, geboren am 20. September 1868. Ihm fiel die Fortführung des Vaterberufs und des Metzgergeschäfts in der Teinerstraße 10 zu. Sein Vater Isaac überlebte seine Frau Rosa um kaum zehn Jahre und starb jung mit 49 Jahren am 23. September 1886, worauf Hermann die Metzgerei bereits mit 18 Jahren übernehmen musste. Er führte sie noch etwa 20 Jahre lang fort, um sich dann vom Metzgersberuf zu lösen und dem Viehhandel zuzuwenden. Seine Handlung betrieb er im Haus Ruhrstraße 7, das er ab etwa 1908 in eigenen Besitz übernahm.

Die weiteren drei Kinder der Cahns waren die Töchter Marinette (geboren 1871), Henriette (geboren 1873) und Martha (geboren 1876). Zur mittleren Tochter ist bekannt, dass sie 1901 den jüdischen Kaufmann Hertog Jacob Fortuin heiratete und zu ihm in die Niederlande nach Lochem zog. Sie starb 1940, ihr Mann und eine Tochter Elizabeth wurden später von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Die jüngste Tochter der Cahns, Martha, heiratete 1900 den Kaufmann Karl Jonas aus Schermbeck und lebte mit ihm mehrere Jahre im Haus ihres Bruders Hermann in der Ruhrstraße 7, später in der Bachstraße 8–10. Beide flohen 1939 in die Niederlande und wurden von dort 1943 deportiert und ermordet, seit 2009 gedenken ihrer zwei Stolpersteine vor der Löhstraße 53. Ihr einziges Kind war Trude Jonas (1901–1992), die unverheiratet blieb und als Fotografin in Berlin arbeitete. Sie emigrierte 1937 in die USA, nannte sich ab 1940 Jo Jonas, gehörte vermutlich zur queeren Community und starb 1992 in New York.

Viehhändler Hermann Cahn wurde mit 43 Jahren erstmals Vater, offenbar aus einer unehelichen Verbindung. Mutter seines ersten Kindes war die 36-jährige Nicht-Jüdin Marie Schäfer, gebürtig aus Beuthen in Schlesien. Sie brachte Sohn Josef am 31. Januar 1912 in Berlin zur Welt. Als zweites Kind folgte Tochter Ruth, geboren am 17. September 1915 in Essen. Es war üblich, dass uneheliche Kinder nicht am Wohnort des Vaters zur Welt gebracht wurden. Hermann nahm beide Kinder bald nach der Geburt zu sich. Ob auch die Mutter dauerhaft in Mülheim wohnhaft wurde, ist nicht bekannt, sie blieb hier ohne amtliche Meldung. 1919 starb Marie Schäfer in Berlin. Sie soll der Spanischen Grippe zum Opfer gefallen sein.

Hermann ließ, gemäß familiärer Erinnerung, seine Kinder von Haushälterinnen beziehungsweise Ersatzmüttern aufziehen. Von diesen durfte keine den Namen Marie tragen oder sonst in irgendeiner Weise an die Verstorbene erinnern. Denn Hermann trauerte seiner Frau mit großem Schmerz nach. Dabei verbrachte er berufsbedingt viel Zeit auswärts auf Reisen. Sein eigenes Haus Ruhrstraße 7 ließ er von Schwager Karl Jonas bewohnen. Er selber wohnte ab 1909 in der Löhstraße 24. Das Haus an dieser Adresse übernahm er ab etwa 1918 in eigenen Besitz.

Mit 56 Jahren entschied sich Hermann noch zu heiraten. Seine Frau wurde die 37-jährige Witwe Käte/Käthe Koh, geboren am 17. November 1887 in Rakwitz, Provinz Posen, als Tochter des Viehhändlers Hermann Koh. Sie stammte aus einer gläubigen jüdischen Familie und war in erster Ehe mit Moritz Trudenstein verheiratet gewesen. Die Hochzeit mit Hermann fand 1925 in Stettin statt, wo Teile von Kätes Familie lebten. In der Löhstraße 24 wurde sie den beiden Kindern Hermanns zu einer fürsorglichen und liebevollen Stiefmutter.

Hermanns Sohn Josef, der sich Jupp nannte, entschied sich mit 16 Jahren, Mülheim zu verlassen und in Hamburg in die Dienste einer Schifffahrt- beziehungsweise Exportgesellschaft zu treten. Dazu soll ihm seine Stiefmutter geraten haben, die nach Erinnerung der Familie früh ein Unbehagen gegenüber der deutschen Gesellschaft empfand und sich für den Sohn eine Anbindung an internationale Kreise wünschte. Tatsächlich war es dann Jupp, der bereits 1935 die Emigration für sich und seine Eltern einfädelte und im Frühjahr 1936 mit ihnen nach La Paz in Bolivien auswanderte. Von dort zog die Familie bald weiter nach Chile, wo Hermann Cahn wenig später um 1938 in Valparaíso starb.

Jupps Schwester Ruth war als Heranwachsende von temperamentvollem Wesen, gutaussehend und hochgewachsen. Sie wurde einmal für einen Kalender fotografiert, der dem Thema der deutschen Frau gewidmet war. Als Ruth 20 Jahre alt war und ihre Eltern bereits die Emigration planten, entschied sie sich zu einer Verbindung mit dem fünf Jahre älteren Kaufhausbesitzersohn Herbert Hess aus Wattenscheid. Dessen Vater betrieb dort das renommierte Kaufhaus „Salomon Hess“ an der Oststraße. Hochzeitspläne mussten in dieser Zeit zurückstehen, und Herbert ging 1936 zunächst ins Exil nach England. Dort bot sich ihm keine Hoffnung, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, sodass er und Ruth sich kurzfristig für die Auswanderung nach Südafrika entschieden. Ruth schmuggelte eine hohe Geldsumme nach London, eingenäht in ihren Mantel. Damit gelang es beiden, 1937 nach Kapstadt zu gelangen, sie konnten auch noch einen Transport von eigenen Möbeln aus Wattenscheid nach Südafrika veranlassen.

Im Folgejahr 1938 heirateten Ruth und Herbert in Kapstadt. Herbert nutzte seine Kenntnisse im Textilgeschäft, um gemeinsam mit seiner Frau mehrere eigene Modeläden aufzubauen, später auch eine Fabrik für Garnspinnerei. Ein Sohn Michael wurde 1939 geboren, eine Tochter Kathy 1944. Jedoch sollte Südafrika dem Paar nie zur gefühlten Heimat werden, und so wechselten sie 1978 zurück nach Europa und zogen zu Tochter Kathy nach London. Hier starben Herbert 1995 und Ruth 2005.

Ruths Mutter Käte lebte in Chile nach dem Tod von Ehemann Hermann Cahn gemeinsam mit ihrem Sohn Jupp fort. Dieser heiratete 1962 in Valparaíso eine jüdische Emigrantin, Katharina Diamant. Die Ehe blieb kinderlos. Bei Antritt der sozialistischen Regierung von Salvator Allende 1970 verlor Jupp sein gesamtes Vermögen und kehrte nach Deutschland zurück, um hier von staatlicher Unterstützung für Opfer des Nationalsozialismus zu leben. Ebenso tat es seine Mutter Käte. Sie starb am 1972 in Berlin und ist dort begraben. Jupp starb 1988 in Köln.

Ruths Tochter Kathy kam 2022 auf Spurensuche nach Mülheim und regte bei dieser Gelegenheit das Verlegen von Stolpersteinen für die Familie an.

 

Verlegeort Löhstraße 24

Verlegedatum 30. Juni 2026

Verfasst von Marc Albano-Müller