
Verlegung der Gewehrfabrik im Kloster Saarn nach Erfurt
Nachdem das Zisterzienserinnenkloster in Saarn jahrhundertelang ein Ort des Gebets und der religiösen Übung gewesen war, wurde es nach der Säkularisation und der Ausweisung der letzten Nonnen durch die Franzosen im Jahre 1808 zunächst als Verwaltungssitz, nach dem Ende der Franzosenherrschaft sogar als Ort industrieller Fertigung zweckentfremdet. Es war ausgerechnet eine Gewehrfabrik, die der aus Lüttich stammende Unternehmer Sylvester Trenelle mit königlich-preußischer Genehmigung vom 6. Januar 1815 in den ehemaligen Klostermauern einrichtete.
Nach dem Ende der so genannten Befreiungskriege 1813/14 wurde in Preußen die Gründung einer Gewehrfabrik möglichst weit im Westen des Landes beschlossen. Eine Expertenkommission suchte daraufhin nach einem geeigneten Standort und fand diesen schließlich in der ehemaligen Klosteranlage in Saarn: „Weil die Geräumigkeit und Solidität ihrer Gebäude, ihre Lage an der Ruhr, einem Flusse, welcher sich zwei Meilen weiter in den Rhein ergießt, und dadurch die Communication mit allen Königlichen Preußischen Provinzen nicht allein möglich macht, sondern auch den Transport der rohen Materialien, vorzüglich der Steinkohlen, erleichtert, Vortheile darbieten, welche man an anderen Orten der Rheingegend umsonst gesucht hätte“ – wie es in der Empfehlung hieß.
Die eigentliche Produktion der Gewehre fand nur zum Teil in Saarn statt. Der Schmiedehammer und die Bohrwerke zur Herstellung der Gewehrläufe wurden ruhraufwärts in Hattingen errichtet, da dort das Wassergefälle günstiger war. Die vorgefertigten Einzelteile wurden dann auf der Ruhr transportiert und in Saarn zusammengebaut. Doch schon bald zeigte sich, dass vor allem im Sommer der niedrige Wasserstand in Hattingen häufig zu Produktionsausfällen führte. Auch war die preußische Armee mit der Qualität der Gewehre nicht zufrieden, da es wegen vermutlich minderwertigen Materials immer wieder vorkam, dass Gewehrläufe platzten. Als Hauptursache dieses Problems wurde das Gewinnstreben des Privatunternehmers angesehen.
Eine Lösung sollte die Verstaatlichung der preußischen Gewehrfabriken bringen, so dass schließlich im Jahre 1840 der Vertrag mit Trenelle gekündigt wurde. Doch auch unter staatlicher Leitung kam es immer wieder zu Produktionsausfällen und -störungen. Diese lagen meist wie bereits in der Vergangenheit am unsteten Wasserstand in Hattingen.
Schließlich wurde die Verlegung der Fabrik erwogen, doch dauerte es Jahre, bis die endgültige Wahl für einen neuen Standort getroffen wurde. In Erfurt stand billiges Bauland zur Verfügung, auf dem ab 1859 eine neue Fabrik errichtet werden konnte. Als dort die neuen Gebäude fertig waren, wurde die Produktion in Hattingen und Saarn eingestellt und die Königlich-Preußische Gewehrfabrik am 28. September 1862 nach Erfurt verlegt. Doch dies war nicht die letzte „industrielle“ Nutzung des ehemaligen Klosters Saarn. Noch einmal in den 1890er Jahren wurden die Gebäude zur Produktionsstätte, als die Tapetenfabrik Niederhoff dort einzog.
(Ra)