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Edith, Gustav und Judith Altgenug

Edith wurde am 20. Juni 1920 in Mülheim geboren. Ihre Eltern, Otto und Luise Rosenbaum, geborene Pallasch bewohnten zu dieser Zeit ein großes Haus in der Josefstraße 37 in Eppinghofen, in dem ihre Oma eine Kohlehandlung und einen Getränkeabfüllbetrieb mit Flaschenbierhandlung betrieb. Ediths Vater arbeite dort mit. Der Großvater war bereits unter mysteriösen Umständen verstorben. 

Edith hatte einen sechs Jahre älteren Bruder Helmut, der, wie sein Vater Otto, immer wieder durch verschiedene Delikte ins Fadenkreuz der Polizei und ab 1933 der Gestapo geriet. Ediths Vater engagierte sich politisch in der KPD, in der Ediths Onkel Arthur Rosenbaum Parteifunktionen innehatte. 1929 bekam Edith noch einen Bruder Hans-Joachim. Weil ihre Mutter evangelisch war, wurden auch die Kinder evangelisch erzogen.

Nach Verkauf des Hauses in der Josefstraße zog die Familie 1926 in die Neustadtstraße 82a in Styrum, wo Ediths Vater weiter als Kohlehändler tätig war. Während der Wirtschaftskrise verlor er aber das Geschäft. 1933 wurde er dann zum ersten Mal verhaftet und ab 1935 war die Familie auf städtischen Wohnraum angewiesen. 

Im April 1935 beendete Edith die Volksschule in Styrum und fand im Dezember desselben Jahres eine Stelle als Hausangestellte bei einer jüdischen Familie in Duisburg. Nach sechs Monaten wechselte sie in einen anderen Haushalt, ebenfalls in Duisburg. Während dieser Zeit wohnte Edith bei ihren Dienstherrschaften.

Während ihr Vater wieder im Polizeigefängnis war, kam im Dezember 1937 heraus, dass Edith in Duisburg ein Verhältnis mit einem älteren, verheirateten, nichtjüdischen Mann unterhielt. Edith war damals noch nicht volljährig. Nach dem 1935 verabschiedeten „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ galt das als „Rassenschande“. Edith verlor sofort ihre Stelle und kehrte zu ihrer Mutter zurück, die mittlerweile mit Ediths Brüdern in einer städtischen Obdachlosenunterkunft in der Hindenburgstraße 132 (heute Friedrich-Ebert-Straße) wohnte. Am 28. Februar 1938 wurde Edith verhaftet. Während der Mann angeklagt und zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, sollte sie zur „Besserung“ in ein Konzentrationslager eingewiesen werden. Kurz vor ihrer Einweisung musste sie aber wegen einer Mandelentzündung im evangelischen Krankenhaus in Mülheim behandelt werden. Dort wurde bei ihr eine vor der Geburt von der Mutter übertragene Syphilis festgestellt. Nach polizeiinternen Diskussionen über Transportfähigkeit und Ansteckungsrisiko wurde Edith schließlich am 8. Juni in das Polizeigefängnis Düsseldorf überstellt und von dort am 22. Juli ins Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg in Sachsen transportiert.

Als dieses Konzentrationslager aufgelöst wurde, kam Edith im Mai 1939 in das neu eingerichtete Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Ihre Mutter bemühte sich derweil um eine Auswanderungsmöglichkeit für ihre Tochter, auch mit Unterstützung der jüdischen Gemeinde in Mülheim. Unter der Auflage auszuwandern wurde Edith dann am 24. Juli 1939 aus dem Konzentrationslager entlassen. Der Kriegsausbruch am 1. September 1939 vereitelte eine direkte Emigration, so dass Edith sich in einem von der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ unter Aufsicht der Behörden betriebenen Umschulungslager in Paderborn, Grüner Weg 86, anmeldete. In dieser Art Lager sollten Juden ursprünglich auf eine Emigration nach Palästina vorbereitet werden. Sie waren aber bei Ediths Ankunft bereits zu reinen Arbeitslagern in jüdischer Teilautonomie geworden.

In diesem Lager lernte Edith Gustav Altgenug kennen. Am 12. Dezember 1914 war er in Norden, Ostfriesland, als Sohn des Viehhändlers Joseph Samson Altgenug und seiner Frau Sitta, geborene Spier, zur Welt gekommen. Es handelte sich um eine weit verzweigte, jüdische Viehhändler- und -züchterfamilie. Gustav hatte fünf ältere Geschwister. Über seine Kindheit und seine Jugend ist leider nichts bekannt.

Seit spätestens 1934 lebte er in der Friedenstraße 49 in Oberhausen bei Viehhändler Hugo Phillips und dessen Familie. Wovon er dort lebte, ist nicht ganz klar, denn Hugo Philipps war schon im Jahr 1934 gezwungen worden, seinen Viehhandel zu schließen. Wahrscheinlich musste Gustav im Tiefbau arbeiten, wie viele andere Juden, denen die Existenzgrundlage durch diskriminierende Gesetzte entzogen worden war. 

Im Jahr 1936 war auch er in eine ähnliche Angelegenheit verwickelt wie Edith in Duisburg. Er hatte eine mehrmonatige Beziehung zu einer minderjährigen Nichtjüdin und wurde dafür am 14. Januar 1937 vom Amtsgericht Oberhausen zu einer zweimonatigen Haftstraße wegen Beleidigung nach dem „Rassenschandegesetz“ von 1935 verurteilt. 

Am 4. Oktober 1938 zog Gustav nach Kettwig bei Essen, wo er in der Essener Straße 9 (heute Corneliusstraße) im Haus des Viehhändlers Siegfried Seligmann wohnte und wahrscheinlich auch arbeitete.

Nach der Reichspogromnacht, am 10. November 1938, wurde Gustav in „Schutzhaft“ genommen, wie mindestens 30.000 andere Juden aus dem Reich. Nach einer Woche im Polizeigefängnis in Essen wurde er am 17. November mit der Häftlingsnummer 29695 im Konzentrationslager Dachau interniert. Nach knapp drei Monaten, am 8. Februar 1939 kam er wieder frei. Man dürfte ihm in dieser Zeit, wie es von vielen Schutzhäftlingen der Novemberpogrome berichtet wurde, eine Auswanderung nahegelegt haben. Die Möglichkeiten dafür wurden allerdings im Laufe des Jahres 1939 immer schlechter, so dass Gustav sich stattdessen um Aufnahme in ein Umschulungslager bemühte. Bevor er am 21. Oktober 1939 in das Lager in Paderborn, Grüner Weg 86 ging, zog er am 28. August von Kettwig nach Mülheim. Hier wohnte er drei Wochen in der Querstraße 5 (heute Heinrich-Melzer-Straße) und weitere sechs Wochen im zum Judenhaus deklarierten Haus des Metzgers Hermann Meyer in der Auerstraße 23. Im Lager in Paderborn lernte Gustav dann Edith Rosenbaum kennen.

Im April 1940 wurden die westfälischen Lager der Reichsvereinigung reorganisiert und Edith und Gustav wechselten ins Lager Bielefeld, Schloßhofstraße 73a. Am 14. September 1940 heirateten sie im dortigen Standesamt. Kurz danach wurde mit der Auflösung der Lager der Reichsvereinigung begonnen. Gustav und Edith gingen deshalb nach Berlin, wo sie Arbeit bei den Siemens-Schuckert Werken fanden. Inwieweit der Umzug und die Arbeit bei Siemens als „freiwillig“ zu bezeichnen sind, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Tatsache ist, dass Gustav und Edith nach Auflösung der Lager keine wirklich freiwillige Option mehr hatten. Sie wohnten zunächst in Halensee, Johann-Georg-Straße 19, dann in der Nähe des Ostbahnhofs in der Wallner-Theater-Straße 14. 

Am 14. Oktober 1941 wurde im Krankenhaus der jüdischen Gemeinde ihre Tochter geboren. Vom Standesamt Wedding wurde sie unter dem Namen Judis Altgenug eingetragen. Dabei muss es sich um ein Missverständnis gehandelt haben, denn das Kind wurde immer Judith genannt. Später zog die junge Familie in die Krausnickstraße 13 im sogenannten „Jüdischen Viertel“ in Berlin-Mitte. Durch ihre Arbeit beim kriegswichtigen Unternehmen Siemens-Schuckert waren Gustav und Edith zunächst vor einer Deportation sicher. Nach langen Kontroversen innerhalb der nationalsozialistischen Regierung wurde jedoch Ende 1942 beschlossen, auch die noch circa 15.000 in Berlin verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter nach Osten zu deportieren. Infolge ihrer Heirat wurde Edith nicht mehr dadurch geschützt, dass sie nach Definition der Nationalsozialisten „Halbjüdin“ war. In einer später als „Fabrikaktion“ benannten Razzia wurden die Betroffenen ab dem 27. Februar 1943 in ihren Wohnungen oder an ihren Arbeitsplätzen verhaftet und an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet interniert. So auch Gustav und Edith. Nachbarn von ihnen alarmierten Ediths Mutter Luise Rosenbaum in Mülheim, die sofort nach Berlin fuhr, um die kleine Enkeltochter Judith abzuholen und nach Mülheim zu bringen.

Edith wurde bereits am 4. März 1943, mit dem sogenannten 34. Osttransport, nach Auschwitz gebracht, wo sich ihre Spur verliert.

Gustav wurde erst am 28. Juni 1943, mit dem 39. Osttransport nach Auschwitz deportiert, allerdings in das Arbeitslager Auschwitz-Monowitz, das zu dem dort neu errichteten Chemiewerk der IG Farben AG gehörte. Er hatte die Häftlingsnummer 126991 und muss zum Zeitpunkt der Ankunft schon krank oder geschwächt gewesen sein. Ab dem 16. Juli zeigen die Bücher der Krankenstation des Lagers für ihn insgesamt fünf Aufenthalte von jeweils ein bis zwei Wochen. Es überrascht deshalb nicht, dass er im Januar 1944 auf die Vorschlagsliste zur Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gesetzt wurde. Am 23. Januar wurde er dorthin verbracht und wahrscheinlich direkt nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. 

Gustav und Edith wurden am 9. Juni 1949 vom Amtsgericht Berlin-Mitte mit Wirkung zum 31. Dezember 1943 für tot erklärt.

Die 16-Monate alte Judith lebte seit der Inhaftierung ihrer Eltern am 28. Februar 1943 bei ihrer Großmutter Luise Rosenbaum im Haushalt, wo auch noch Luises 14-jähriger Sohn Hans-Joachim, Judiths Onkel, zu Hause war. Die drei erlebten das Kriegsende unversehrt und zogen kurz danach in die Düsseldorfer Straße 6. 

1946 übernahm Luise die Vormundschaft für ihre Enkelin. Judith hielt sich im Sommer 1946 für einige Wochen zur Erholung im jüdischen Kinderheim Ochtmissen (bei Lüneburg) auf. Nach Verdacht auf Tuberkulose verbrachte sie ab Februar 1947 fast zweieinhalb Jahre „zur Stärkung“ in einem Kinderheim am Zürichsee (Kilchberg, Broelberg 43) in der Schweiz. 

Judiths Großmutter litt gesundheitlich zunehmend an den Nachwirkungen der Vorkriegs- und Kriegszeit, dem ständigen Kampf um ihre Familie, aber auch an den Spätfolgen ihrer früheren Syphilisinfektion. Sie lebte von städtischen Unterstützungsleistungen und musste hartnäckig darum kämpfen, dass ihr Sohn, ihre Enkelin und sie selbst als „Hinterbliebene Rassisch Verfolgter“ anerkannt werden und damit Anspruch auf entsprechende Beihilfen bekommen. Als sie am 11. April 1951 aus ihrer Wohnung in der Düsseldorfer Straße geklagt wurde, wurde ihr, Hans-Joachim und Judith vom Amt für Wiedergutmachung eine Wohnung in der Tilsiter Straße 62 zugewiesen. Gut ein Jahr später, am 10. Dezember 1953 starb sie 62-jährig an einem Schlaganfall. Hans-Joachim übernahm sofort die Vormundschaft für seine Nichte bis zu deren Volljährigkeit. 

Judith besuchte ab Ostern 1953 die Realschule für Mädchen in Mülheim. Am 15. Juni 1954 zog ihr Onkel mit ihr in die Düsseldorfer Straße 43, in das Haus, das der von seinem Bruder Helmut geschiedenen Frau Anna gehörte. Nach Abschluss der Schule begann Judith mit 18 ihr eigenes Leben zu führen und zog in die Mülheimer Straße 87 nach Oberhausen. Am 27. Oktober 1960 wurde sie vorzeitig vom Amtsgericht Mülheim für volljährig erklärt.

Ab Februar 1961 wohnte sie wieder in Mülheim, in der Heißener Straße 94 III. Mit Wirkung zum 13. April 1962 ließ sie dann auch ihren Vornamen im Melderegister korrigieren: aus Judis wurde Judith. Sie machte eine Ausbildung zur Beamtenanwärterin bei der Stadtverwaltung Mülheim an der Ruhr. Am 4. Mai 1963 heiratete sie vor dem Mülheimer Standesamt Dietrich Krölls und zog mit ihm nach Recklinghausen. Dort verstarb sie am 22. Oktober 2014, wahrscheinlich infolge eines Unfalls.


Hinweis: 2018 wurde von Anna Lena Höhne ein Film gedreht, der in Spielfilmszenen zum einen das Schicksal der Familie aufgreift, zum anderen dokumentarisch die Herangehensweise an die Recherche zu den Biografien zeigt. Auch die beteiligten Schülerinnen der AG Stolpersteine des Gymnasiums Broich schildern ihre Motivation zur Mitarbeit an diesem Projekt. Ein Link zum Film ist auf der Startseite zu den Stolpersteinen in Mülheim an der Ruhr zu finden.

 

Verlegeort Friedrich-Ebert-Straße 132

Verlegedatum 30. Juni 2026

Verfasst von der AG Stolpersteine des Gymnasiums Broich, ergänzt und überarbeitet von Clemens Miller